Die Bundeswehr von A bis Z

Geschrieben von am 27/05/2007 in Neon mit 3 Kommentare

Die deutsche Sicherheit beginnt bekanntlich schon am Hindukusch und für die Jungs gleich nach dem Abitur. Alles über unsere tolle Truppe von A bis Z.

A fghanistan: 3156 deutsche Soldatinnen und Soldaten beteiligen sich am ISAF-Einsatz in Afghanistan und Usbekistan – das ist mehr als ein Drittel aller im Ausland eingesetzten Bundeswehrtruppen. Die internationale ISAF-Truppe (International Security Assistance Force) wurde 2001 nach dem Sturz des Taliban-Regimes aufgestellt und soll im Auftrag der Vereinten Nationen »die afghanische Regierung bei der Wahrung der Menschenrechte sowie bei der Herstellung der inneren Sicherheit unterstützen. « 18 der insgesamt 65 deutschen Soldaten, die bisher bei Auslandseinsätzen ums Leben kamen, sind am Hindukusch gestorben. Die Bundeswehr kämpft dort offiziell nicht gegen das Terrornetzwerk Al Kaida oder die Taliban – das ist Aufgabe der Operation »Enduring Freedom«, an der die deutsche Marine mit rund 300 Mann am Horn von Afrika beteiligt ist.

B erufsarmee: Seit es die Bundeswehr gibt, werden die Modelle Wehrpflicht- und Berufsarmee gegeneinander abgewogen. Die Vorteile einer Berufsarmee, wie sie beispielsweise die USA (seit dem Vietnamkrieg) oder Frankreich (seit 2001) besitzen, sind eine höhere Professionalität und bessere Ausbildung sowie damit verbundene Truppen- und Kostenreduzierung. Kritiker befürchten hingegen, dass eine Berufsarmee schneller und unbesonnener eingesetzt werden könnte als eine Wehrpflichtigenarmee. Außerdem könnte sich eine Berufsarmee stärker nach außen ab – schotten und sich wie ein »Staat im Staat« der Kontrolle durch Gesellschaft und Politik entziehen. Die Bundeswehr besteht derzeit etwa zu einem Drittel aus Berufssoldaten, einem Drittel aus Freiwilligen und einem Drittel aus Wehrpflichtigen.


C hancengleichheit: Seit dem 1. Januar 2001 können Frauen uneingeschränkt bei der Bundeswehr Dienst tun. Vorausgesetzt sie erfüllen die erforderlichen Eignungstests, stehen den Soldatinnen Ausbildungen zur Bomberpilotin oder Kampfschwimmerin ebenso offen wie zur Fallschirmjägerin oder U-Boot-Kommandantin. Eine junge Hannoveranerin hatte gegen das letzte geschlechtsspezifische Berufsverbot geklagt. Paragraf 12a des Grundgesetzes besagt nun, dass Frauen Dienst mit der Waffe leisten können, jedoch nicht dazu verpflichtet werden dürfen. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass sich der Anteil der weiblichen Soldaten an den Zeit- und Berufssoldaten meist bei rund zehn Prozent einpendelt.

D ZE: Abkürzung für Dienstzeitende. Weitere essenzielle Bundeswehrabkürzungen: KZH = Krank zu Hause (beliebt: KZH bis >DZE). LRB = Liegen Ruhen Bräunen (eigentlich: Luftraumbeobachtung). EPa = >Einmann packung. StOV = Sitzende Tätigkeit ohne Verantwortung (eigentlich: Standortverwaltung). ESAK / KASAK = Evangelische / Katholische Sündenabwehrkanone (Standortpfarrer). VS-nfD = Vom Spieß nur für dich (eigentlich: Verschlusssache, nur für Dienstgebrauch)

E inmannpackung: Pappschachtel mit unterschiedlichen Lebensmitteln, die zum Einsatz kommt, wenn Soldaten nicht mit frischer Nahrung versorgt werden können. Von Obstsalat bis Kaffeeweißer ist der komplette Bedarf für einen Tag enthalten, es gibt drei Varianten der erwärmbaren Hauptgerichte, insgesamt hat eine »Epa« rund 3300 Kalorien.

F ehler: »Kollege« sagen – bei der Bundeswehr gibt es nur »Kameraden«.

G rundausbildung: Die erste Phase der Soldatenausbildung dauert bei der Bundeswehr drei Monate. Gelernt wird in dieser Zeit beispielsweise, Schusswaffen zu bedienen, erste Hilfe zu leisten und sich im Gelände zu orientieren. Dazu kommen theoretische Inhalte wie Politische Bildung oder Rechte und Pflichten des Soldaten. Am Ende der Allgemeinen Grundausbildung (AGA) legen die Soldaten ihr feierliches Gelöbnis ab, »der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen.«

H ardthöhe: Spitzname des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) nach dessen Hauptsitz auf der Hardthöhe in Bonn. Der Verteidigungs >minister hat in Friedenszeiten die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte, im Verteidigungsfall geht sie auf den Bundeskanzler über. Der Etat des Verteidigungsministeriums liegt 2007 bei 28,4 Milliarden Euro, 500 Millionen Euro mehr als im Vorjahr (>Rüstungsindustrie).

I nternationale Verpflichtungen: Die Bundes wehr ist mit über 6000 Soldaten an der Nato Response Force beteiligt. Außerdem stellt sie entsprechend dem >Weißbuch seit Januar 1300 Mann für die EU-Battlegroup bereit. Diese Eingreiftruppe kann – mit Zustimmung des Bundestags – jederzeit an einen Konfliktherd geschickt werden.

J äger (auch: Feldjäger): Militärpolizei der Bundeswehr. Zu ihren Aufgaben gehören militärischer Ordnungs- und Verkehrsdienst, so – wie Ermittlungen bei Dienstvergehen, Unfällen oder fahnenflüchtigen Soldaten. Der Name »Feldjäger« stammt aus dem 17. Jahrhundert, als tatsächlich Jäger und Forstbeamte zu militärischen Einheiten zusammengestellt wurden.

K ilo Bravo: Steht im NATO-Alphabet (> XRay), das im Funkverkehr verwendet wird, für die Buchstaben K.B. – gemeint ist in der Regel eine Kiste Bier.

L ibanon: Ausgestattet mit einem »robusten Mandat« des Bundestags kann die Bundeswehr bis zu 2400 Soldaten an die libanesische Küste entsenden. Bislang sind jedoch nur gut 800 Soldaten im Rahmen der UN-Mission UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) damit beschäftigt, die Seewege zu kontrollieren und Waffenschmuggel zu verhindern.

M inister: Der »Kriegsminister« wurde in vielen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg in den friedlicher klingenden »Verteidigungsminister « umbenannt. Dr. Franz Josef Jung (CDU), seit November 2005 deutscher Verteidigungsminister, gilt als ergebener Verbündeter des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Selbst nachdem dieser ihn im Jahr 2000 opferte: Jung musste als Chef der hessischen Staatskanzlei im Zuge der CDU-Parteispendenaffäre zurücktreten.

N eulinge: Neuzugänge bei der Bundeswehr müssen sich auf einige Scherze gefasst machen. Harmlos und uralt sind Aufträge wie den Hauptgefreiten Buttentee auszurufen (»HG Buttentee!«) oder vom hintersten Winkel der Kaserne den Schlüssel zum »Verfügungsraum« zu besorgen – der in Wirklichkeit einen Geländeabschnitt bezeichnet, in dem sich die Truppe auf einen Auftrag vorbereitet. Nicht immer bleibt es jedoch bei dieser Art von hausbackenem Schwarzweißfilmhumor (>Quälerei).

O ffiziere: Heute sind zwar nicht mehr so gut wie alle Offiziere adlig, trotzdem kann man sich die Bundeswehr als eine Art Dreiklassengesellschaft vorstellen, in der die Offiziere über den Unteroffizieren und mit diesen über den Mannschaftsdienstgraden stehen. Die Offiziersgrade bei Heer und Luftwaffe in absteigender Reihenfolge: General – Generalleutnant – Generalmajor – Brigadegeneral – Oberst – Oberstleutnant – Major – Stabshauptmann – Hauptmann – Oberleutnant – Leutnant.

P anzer: Die Panzer der Bundeswehr haben häufig Namen von Raubkatzen – so zum Beispiel der Schützenpanzer Puma, der Jagdpanzer Jaguar, der Spähpanzer Luchs oder der wohl berühmteste deutsche Kampfpanzer: Leopard 2, der eine Besatzung von vier Mann beherbergt und in seiner neuesten Version ein Gewicht von ca. 65 Tonnen hat. Niedlichere Namen tragen der Pionierpanzer Dachs, der Transportpanzer Dingo und der Brückenlegepanzer Biber.

Q uälerei: »Abu Ghraib im Münsterland« – mit solchen Schlagzeilen wurde 2004 über einen Skandal in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Coesfeld berichtet. Rund 80 Rekruten sollen zum Ende ihrer > Grundausbildung mit kaltem Wasser und Stromstößen in fingierten Geiselverhören gefoltert worden seien, dokumentiert auf Foto- und Videomaterial. Derzeit läuft vor dem Landgericht Münster die Verhandlung gegen 18 Vorgesetzte vom Hauptmann bis zum Stabsunteroffizier, mehrere der Ausbilder wurden bereits von der Bundeswehr entlassen.

R üstungsindustrie: Nicht nur Rüstungsfirmen wie Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall, die Ende 2006 einen Großauftrag für eine Lieferung des neuen Transportfahrzeugs »Boxer« bekamen, verdienen gut an der Bundeswehr. Auch Konzerne wie Siemens und IBM Deutschland erhalten Aufträge des Verteidigungsministeriums – so sollen sie zum Beispiel in den nächsten zehn Jahren für 6,95 Milliarden Euro das gesamte Computer- und Kommunikationssystem der Bundeswehr modernisieren. Im Zuge des »Herkules « genannten Projekts werden 140 000 neue Computer angeschafft. Doch daneben gibt es auch einen Trend zum Lo-Tech: So hat das Verteidigungsministerium die Rüstungsindustrie aufgefordert, Waffen für »weniger qualifizierte« Soldaten zu entwickeln. Aufgrund des Geburtenrückgangs müsse die Bundeswehr künftig auch auf Soldaten zurückgreifen, die »das erforderliche Sehen nicht mehr mitbringen.«

S udan: Bei der UN-Mission Unmis kann die Bundeswehr bis zu 75 Soldaten stellen, in Darfur gibt es ein Mandat mit einer Obergrenze von 200 Soldaten – bislang sind jedoch nur etwa 40 deutsche Soldaten im Sudan, wo sie afrikanische Truppen hauptsächlich bei Transporten unterstützen. Selbst vage Andeutungen von Verteidigungsminister Franz Josef Jung Ende 2006, Deutschland könne sich bei einer erweiterten UN-Mission im Sudan seiner Verantwortung nicht entziehen, wurden von allen Seiten mit Kritik bedacht. Die Bundeswehr, so die Umfrageergebnisse und darauf Rücksicht nehmende Politikermeinungen, sei schon in zu viele Auslandseinsätze verwickelt.

T otenschädel: Genau am selben Tag, an dem die Bundeswehr im Oktober 2006 ihr >Weißbuch präsentierte, veröffentlichte die BILD-Zeitung Fotos deutscher Soldaten, die in >Afghanistan mit Totenköpfen posieren. Einer platziert ein Schädelfragment wie eine Trophäe auf einem Geländewagen, ein anderer – Motivation unklar – hält seinen Penis neben einen Totenkopf. Sieben Soldaten müssen sich wegen der Fotos verantworten, von denen in den folgenden Tagen mehr und mehr auftauchten. Ihnen drohen Degradierung, Beförderungsstopp und Soldkürzung.

U niform: Uniformen im heutigen Sinne gibt es seit der Errichtung stehender Heere Mitte des 17. Jahrhunderts, sie haben sich im Lauf der Zeit jedoch verändert: Während sie früher noch bunt und auffällig waren und vor allem dazu dienten, auf dem Feld die eigenen Truppen vom Gegner zu unterscheiden, wurden im Ersten Weltkrieg unauffällige Tarnfarben eingeführt. Die Uniformen der Bundeswehr kommen von der privaten Firma LH Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft, an der der Bund mit 25,1 Prozent beteiligt ist. Durch die Privatisierung sollen in zwölf Jahren mindestens 718 Millionen Euro an öffentlichen Geldern gespart werden.

V erweigerer: Auch: Zivildienstleistende, Wehrdienstverweigerer, »Drückeberger«. Ihre Zahl sinkt nach einem Hoch Mitte der 90er Jahre (jährlich über 130 000) kontinuierlich und lag 2006 bei rund 60 000. Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sucht nach Wegen, den momentan neun Monate dauernden Zivildienst zu einem Lerndienst aufzuwerten, der beispielsweise auch auf eine Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger angerechnet werden kann.

W eißbuch: 176 Seiten umfasst das »Weißbuch zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr«, das > Minister Jung im Oktober 2006 vorstellte. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren werden darin die grundsätzlichen Linien für die Sicherheitspolitik Deutschlands skizziert. Während das Weißbuch die strittige Frage nach dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren nicht eindeutig klärt, werden darin erstmals nationale Interessen formuliert, die einen Bundeswehreinsatz erfordern können. Dazu zählt freier und ungehinderter Welthandel; der Zugang zu Rohstoffen hat es nicht in die Endfassung geschafft.

X -Ray: Steht im NATO-Alphabet (> Kilo Bravo) für den Buchstaben X.

Y -Kennzeichen: Als bei der Gründung der Bundeswehr 1955 alle Buchstaben außer X und Y auf den KFZ-Kennzeichen schon vergeben waren, entschied man sich für das Y als einheitliches Kennzeichen aller Bundeswehrfahrzeuge. Seitdem ist liebevoll von »Y-Reisen« oder »Y-Tours« die Rede – der Slogan: »Wir buchen, Sie fluchen.«

Z apfenstreich: Mit dem Zapfenstreich beginnt bei der Bundeswehr um 23 Uhr die Nachtruhe, in der >Grundausbildung um 22 Uhr. Der »Große Zapfenstreich« bedeutet nicht, dass die Kleinen früher ins Bett müssen als die Großen – sondern ist das höchste Zeremoniell der Bundeswehr, mit dem beispielsweise Spitzenmilitärs in den Ruhestand verabschiedet werden. Im November 2005 wurde Gerhard Schröder mit einem Großen Zapfenstreich geehrt, die drei Stücke, die das Stabsmusikkorps der Bundeswehr auf Schröders Wunsch spielte: der »Mackie-Messer-Song« aus der Dreigroschenoper, »Summertime« von George Gershwin und Frank Sinatras »My Way«.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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3 Leserkommentare

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  1. Linux sagt:

    Tagchen ^^

  2. Linux sagt:

    Tagchen ^^
    wie wird man Koch in der Bundeswehr?

  3. Franz Roth sagt:

    Hallo, Kollege,

    zwei klitzekleine „Richtigstellungen“: die Jäger, das sind nicht die Feldjäger, sondern eine Truppengattung der Infanterie. Das sind die mit dem grünen Barett.

    Bei den Offiziersdienstgraden kommen nicht der Major und der Stabshauptmann in absteigender Reihenfolge hintereinander. Beide Dienstgrade sind gleichwertig und beide in der Besoldungsgruppe A13. Der Stabshauptmann ist ein Dienstgrad der Offiziere des Militärfachlichen Dienstes. Der Spitzendienstgrad für Aufsteiger aus der Unteroffizierslaufbahn. Der Major ist der reguläre Dienstgrad der Truppenoffiziere (also der Boys und Girls, die nach dem Abi gleich als Offiziersanwärter anfangen). Deshalb wird der Stabshauptmann „scherzhaft“ auch des öfteren als „Schweine-Major“ bezeichnet.

    Grüße

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