Malcolm McLaren über das graue Sweatshirt

Geschrieben von am 24/03/2007 in SZ-Magazin mit 0 Kommentare

Ich mag graue Sweatshirts sehr gern, in meinem Kleiderschrank liegen immerhin vier Stück. Mir gefällt ihre Einfachheit – jeder kann sie tragen. Die meisten Menschen sehnen sich heute nach einer gewissen Anonymität, aber auch nach Dingen, die leicht zu verstehen sind. Wir alle haben in den letzten Jahren eine Überdosis bekommen – eine Überdosis Mode. Es gab niemals so viele Werbeanzeigen, niemals so viele Fernsehprogramme über Mode. Trotzdem gelingt es nur noch schwer, die Aufmerksamkeit der Leute zu erreichen. Mode spielt eine immer geringere Rolle in unserem Leben. Sie ist nicht mehr auf der Titelseite. Sie treibt unsere Kultur nicht in dem Maße an, wie sie es einmal wollte.


Das graue Sweatshirt ist ein Symbol dieses Wandels: ein Symbol der menschlichen Sehnsucht nach einer Welt, in der man nicht mehr alles kaufen kann. Wollen Sie einen Slogan dafür? Ich schenke Ihnen einen: No sex – no show – no logo! Das graue Sweatshirt ist nicht zwangsläufig eine Uniform, denn auch bei den grauen Sweatshirts gibt es ja Tausende von Unterschieden, Feinheiten und Abstufungen. Wer eines gefunden hat, das für ihn perfekt ist, würde es nie im Leben für irgendein anderes eintauschen.

Es ist natürlich Unsinn, zu glauben, mit einem grauen Sweatshirt könnte man vermeiden, ein modisches Statement abzugeben. Man kann, wie wir wissen, nicht nicht kommunizieren – auch die Entscheidung, das vielleicht einfachste aller Kleidungsstücke zu tragen, ist eine Aussage. Man sieht automatisch intelligenter aus, wenn man ein graues Sweatshirt trägt. Demokratischer. Mehr nach einem Künstler als nach einem hohlen Mannequin. Die US-Schauspielerin Renée Zellweger sah niemals klüger aus als auf dem Cover der amerikanischen Vogue Anfang des Jahres, das sie in einem langen, grau melierten Schlabberding zeigte. Doch auch das ist ein Trick der Modeindustrie: Denn was aussah wie das alltäglichste Kleidungsstück, war in Wirklichkeit natürlich ein teures Designerteil aus Kaschmir von Michael Kors.

Die Firmen suchen immer nach dem einen allgegenwärtigen Kleidungsstück, das sie jedem Menschen verkaufen können. Das graue Sweatshirt ist dafür ideal. In der teuren Variante ermöglicht es den Reichen, mit ihrem Reichtum dezent umzugehen. Und in der billigen Variante können die Armen trotzdem genauso glamourös aussehen wie Renée Zellweger auf dem Vogue-Cover.

Was das graue Sweatshirt zu einem noch zeitloseren Kleidungsstück macht als beispielsweise das weiße T-Shirt? Die Tatsache, dass es mit jeder Wäsche noch ein bisschen besser aussieht. Normalerweise ist es genau anders herum. Die Mode, die wir sonst kaufen, hat ein eingebautes Verfallsdatum. Und wenn die Sachen der neuen Saison da sind, ekeln wir uns plötzlich vor dem, was wir vorher noch heiß und innig liebten. Darum kaufen wir uns mit jeder neuen Kollektion eine neue Identität.

Ich erinnere mich an den Aufruhr, den es gab, als Sharon Stone bei der Oscar-Verleihung 1996 in einem schwarzen T-Shirt von The GAP auftrat. Ich fand es großartig. Vielleicht holt dieses Jahr jemand seinen Oscar in einem grauen Sweatshirt ab.

Malcolm McLaren, 61, wurde als Manager der Punkband Sex Pistols bekannt. Gerade hat er den Film »Fast Food Nation« produziert. Er lebt in Paris.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung Magazin

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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