Alle Jahre wieder

Geschrieben von am 03/12/2006 in Neon mit 0 Kommentare

Die schwierigste Situation des geamten Berufslebens ist die Büroweihnachtsfeier. Ein Survivalratgeber.

Wäre die betriebliche Weihnachtsfeier ein Kleidungsstück, so wäre sie eine weiße Tennissocke. Wäre sie eine Fast-Food-Kette, sie wäre ein Subway-Sandwichladen. Und wäre sie ein mächtigster Mann der Welt – sie wäre vermutlich George W. Bush. Diese Dinge bescheuert zu finden, ist etwa so ungefährlich, wie Outkast gut zu finden oder Nobelpreisträger. Es ist auch kein Wunder, dass niemand die Weihnachtsfeier leiden kann. (Außer den Leuten im Marketing, aber deren Geschmack ist eh eine andere Geschichte.) Je nach Firmengröße und derzeitiger Auftragslage wird mal mehr, mal weniger Geld »in die Hand genommen« und ein Fest ausgerichtet – trotzdem weiß man, dass man für ein Zehntel des Geldes in privatem Rahmen eine bessere Sause auf die Beine stellen könnte. Denn egal, ob man in der mit Papiergirlanden geschmückten Konzern-Cafeteria sitzt oder in einem angemieteten Wasserschloss im Münsterland: Es ist stets eine triste Angelegenheit.

Beklemmung liegt in der Luft, als man absichtlich verspätet eintrifft und dennoch mitten in die zähe Anfangsphase der Party gerät, die wie ein frisch geschlüpftes Vogelkind mit den Flügeln schlägt und dennoch nicht vom Boden kommt. Der Trick mit dem Zuspätkommen hatte sich schon rumgesprochen, als die Firma noch Zeppelinzubehör produzierte.

Alkohol ist wie so oft in solchen Fällen der soziale Schmierstoff, der alles richten soll. Und bei aller Kritik: Erstaunlich oft klappt das sogar.

Zwei Stunden wird exzessiv gebechert, dann zur Verdauung ein bisschen Limbo getanzt, in gewissen Branchen hat auch immer jemand ein wenig Koks dabei, und, zack, verschwinden die einen in dunklen Ecken, die anderen winken sich Taxis heran. Meine alte Freundin Nina erzählte mir beispielsweise, dass sie auf den Weihnachtsfeiern ihrer (sehr großen) Softwarefirma in drei aufeinander folgenden Jahren mit demselben Typen auf der Toilette Sex hatte. Unter normalen Umständen war das Verhältnis der beiden zu verkorkst – unter der mistelzweigigen Knutschseligkeit der Weihnachtsfeier jedoch fanden die beiden immer wieder zueinander.

Trotzdem, für die meisten bleibt die Weihnachtsfeier vor allem deshalb ein Angstgegner, weil sie ein ständiger Balanceakt ist, eine Kür der Mittelmäßigkeit: Wer zu viel trinkt, klar, macht sich zum Affen. Doch wer gar nichts trinkt, ist imagemäßig auch ruiniert – und als zertifizierte Spaßbremse in Zukunft derjenige, mit dem niemand mehr in die Kantine gehen will. Auch die Reaktion auf die Rede des Chefs erfordert stoisches Fahren auf der emotionalen Mittelspur: Wer zu viel lacht oder applaudiert, ist für die nächsten zwölf Monate als Schleimer und Taschenträger bei den Kollegen unten durch.

Wenn der Chef jedoch sieht, dass man gelangweilt SMS schreibt, während er die Firma als »große Familie« beschwört, wird es mit der nächsten Gehaltserhöhung auch nichts.

Weihnachtsfeiern sind ein soziales Stahlbad für alle: für die aufstrebenden Abteilungsleiter, die plötzlich von der Sekretärin das »Du« angeboten bekommen und noch nicht gelernt haben, dies höflich aber bestimmt abzulehnen.

Für hochverdiente und langjährige Mitarbeiterinnen, denen plötzlich von missgünstigen männlichen Kollegen zugezwinkert wird, die Beförderung sei ja kein Wunder, »bei so einen Fahrgestell«. Für die jungen Nachwuchskräfte, die von den Chefs unter Gelächter genötigt werden, dicke Zigarren zu Ende zu rauchen und unter noch größerem Gelächter anschließend mit grünem Gesicht in Richtung Toilette rennen müssen.

Das Problem der Weihnachtsfeiern ist jedoch gar nicht das Gesaufe, die selbstverliebte Gönnen- wir-uns-mal-was-Haltung der Chefs oder die Qualität der Darbietungen. Das Problem der Weihnachtsfeiern ist, dass sie einer ganz anderen Arbeitswelt entspringen als der, die wir heute vorfinden. Früher hatte es vielleicht noch einen Sinn, sich einmal im Jahr mit den Kollegen locker zu machen, die man sonst nur »im Dienst« erlebte. Heute wohnen wir mit unseren Kollegen in WGs, fahren mit ihnen in Urlaub oder spielen mit ihnen zusammen in einer Hobbyfußballmannschaft in nach Branchen sortierten Freizeitligen. Den Kollegen auch ein einziges Mal betrunken zu erleben, konnte vor 20 Jahren eine ansonsten staubtrockene Firma für ganze zwölf Monate wieder menschlich werden lassen. Heute gehen wir ständig mit unseren Kollegen aus, da unsere anderen Freunde komische Arbeitszeiten haben, die mit unseren eigenen komischen Arbeitszeiten kollidieren.

Die Weihnachtsfeier, die einst einen Gewinn bedeutete und es ermöglichte, die Typen kennen zu lernen, mit denen man da jeden Tag im selben Raum saß – für uns ist sie ein Rückfall in Zeiten, als Dienst noch Dienst war und Schnaps noch Schnaps. Wir lassen uns unser Ritalin und unser Gras im Zweifelsfall ja längst vom Dauerpraktikanten besorgen, der sich »mit so was auskennt«.

Zurück zum ständigen Rumknutschen, Abstürzen, Fremdgehen auf Weihnachtsfeiern. Das alles würde ja nicht passieren, wenn der partnerschaftliche Anhang das Event mit durchleiden müsste. Doch das ist nur selten erwünscht oder erlaubt. Dabei würden dabei unter Umständen ganz neue Facetten an den Kollegen zutage treten: Andreas, der in Köln in einer Anwaltskanzlei arbeitet, erinnert sich an die Weihnachtsfeier zum 25-jährigen Bestehen, bei der die Belegschaft in Begleitung anrücken sollte: »Ein Kollege, den wir alle als freundlich, aber langweilig und uncharismatisch eingestuft hatten, kam mit einer sagenhaft schönen Südländerin an der Hand.« Im tief ausgeschnittenen Abendkleid tanzte der Vamp fröhlich beinahe den ganzen Abend durch und erntete ebenso viele bewundernde Blicke wie der Kollege, der sie mitgebracht hatte. »Ein paar Tage später stellte sich heraus, dass er sie bei einem Begleitservice gebucht hatte«, schüttelt Andreas den Kopf. »Aber komischerweise hat das gar nicht zu so vielen bösen Bemerkungen geführt. Viele fanden es irgendwie lässig.« Nachdem wir noch eine Weile über andere Erlebnisse auf Weihnachtsfeiern gesprochen hatten, kamen wir am Ende zu einem überraschend versöhnlichen Ergebnis: Gute Geschichten geben diese Zusammenkünfte, so schmerzhaft sie im Moment auch sein mögen, nachträglich immer her. »Und außerdem«, so erkannte Andreas in der für ihn typischen pragmatischen Weisheit: »So wie die Firmen zur Zeit sparen und zusammenstreichen, sollten wir uns über jede Weihnachtsfeier freuen – nächstes Jahr gibt es vielleicht schon keine mehr.«

Weihnachtsfeier-Survivalstrategien

a) DER TESTBALLON
Du wolltest schon immer sehen, wie die Kollegen auf deinen weißen Anzug oder die wagemutige Hochsteckfrisur reagieren? Die Weihnachtsfeier ist die ideale Gelegenheit. Sind alle begeistert, kannst du die Veränderung »zwischen den Jahren« unauffällig in den Alltag einschleifen. Werden jedoch unter lautem Gelächter Fotos von dir gemacht und mit »Hähä, fürs Intranet!« kommentiert, kannst du immer noch behaupten, dein Outfit sei das Kostüm für einen Sketch über den unbeliebten Geschäftsführer – den du dann allerdings auch improvisieren und aufführen musst.
Klappt besonders gut: wenn man sowieso kündigen wollte.

b) DAS ABGREIFEN
Hier wird geprüft, ob ein/e Kollege/in, auf den/die du schon lange scharf bist, dir zugetan ist. Das Risiko ist gering. Eine Abfuhr in den frühen Morgenstunden ist bei dem Besäufnis wesentlich unwahrscheinlicher als in der Kantinenschlange. Sollte sie dennoch erfolgen, so hast du das mitfühlende Wohlwollen aller Geschlechtsgenossen/innen sicher. Und wer weiß? Vielleicht fühlt sich ja jemand anders in der besinnlichen Vorweihnachtszeit ebenfalls einsam, erfährt von deiner Suche nach Anschluss – und springt für den/die eigentlich angepeilte Kollegen/in ein?
Klappt besonders gut: wenn man weiß, wer im Büro das zweitniedrigste Selbstwertgefühl hat – nach einem selbst.

c) DAS REINLEGEN
Aufwendige, aber lohnende Maßnahme, um herauszufinden, was in der Firma wirklich vor sich geht: Du meldest dich selbst am Tag der Weihnachtsfeier krank und lässt dich von einem Maskenbildner in jemand anders verwandeln. Auf der Weihnachtsfeier gibst du dich als »die Constanze vom Controlling « aus (als Mann natürlich als »der Kai aus der Marktforschung«) und lästerst über dich selbst und die Kollegen, die dir wirklich am Herzen liegen. Schreib auf, wer für dich einsteht und wer sofort mithetzt – es wäre ja schade, wenn diese wertvollen Informationen in der achtzehnten Eierlikörrunde aus deinem Gedächtnis gelöscht würden.
Klappt besonders gut: als einer der Aldi-Brüder.

d) DAS WEGBLEIBEN
Vorsicht: Wer am Nachmittag vor der Weihnachtsfeier plötzlich Migräne bekommt, macht sich verdächtig und extrem unbeliebt. Denn im Zweifelsfall gehört es zum unausgesprochenen Ehrenkodex, dass alle die Weihnachtsfeier gemeinsam durchleiden. Also besser schon zwei Tage vorher mit Attest die Krankmeldung glaubhaft machen. Und auch erst dann wieder in der Firma erscheinen, wenn die Katerstimmung der Teilnehmer verflogen ist. Dass man in den freien Tagen entspannt alle Weihnachtseinkäufe erledigt hat, sollte man natürlich nicht erzählen – ebenso wenig die auffällige Gesichtsbräune vom Skifahren zur Schau stellen.
Klappt besonders gut: wenn der Exmitbewohner inzwischen niedergelassener Arzt ist.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: NEON

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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