Wie wird man eigentlich … Minensucherin, Vera Bohle?

Geschrieben von am 28/05/2006 in FAZ mit 1 Kommentar

Vera Bohle war bereits eine erfolgreiche Fernsehjournalistin und reiste fürs Fernsehen um die Welt. Dann entschloß sie sich, eine Laufbahn einzuschlagen, die deutlich weniger Ruhm, dafür ein Vielfaches an Gefahr mit sich bringt: Sie lernte, Minen zu entschärfen. Heute lebt die 36jährige in Berlin, verbringt aber rund zwei Drittel ihrer Zeit im Ausland und ist überzeugt: Die Fernsehkameras gegen hochexplosive Sprengkörper einzutauschen war die beste Entscheidung meines Lebens.

Bohle

Während der Schulzeit träumte ich davon, als Entwicklungshelferin zu arbeiten oder als Auslandskorrespondentin. Hauptsache rauskommen, rumkommen, etwas sehen von der Welt. Da ich mich immer gern mit Bildern beschäftigt habe, fing ich an, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft zu studieren, nach einem Semester begann ich eine Ausbildung bei einer Filmproduktionsfirma. Dort lernte ich viel über Übertragungstechnik. Als ich anderthalb Jahre später mein Studium fortsetzte, erwies sich die technische Ausbildung als sehr nützlich, weil ich damit gut Geld verdienen und mir lange Auslandsreisen leisten konnte. Ich ging zu Fuß durch Madagaskar und ritt auf Pferden durch die Mongolei – alles ganz allein.

Nachdem ich 1996 mein Studium abgeschlossen hatte, machte ich eine Hospitanz in der Reiseredaktion des WDR. Ich merkte aber schnell, daß mir härtere, politische Themen wichtiger waren, und wechselte zum Außenpolitik-Ressort des ZDF und von da zu Kennzeichen D und dem Morgenmagazin des ZDF. Ich arbeitete mit nicht einmal 30 Jahren im Hauptstadtstudio. Aber schon nach kurzer Zeit kam das Gefühl auf, daß diese Arbeit nicht das war, was ich machen wollte. Am deutlichsten fiel mir das auf, als wir in Somalia drehten und sich ein Flüchtlingslager direkt neben unserem Hotel befand. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich müßte doch dort Essen verteilen, statt mir Gedanken zu machen, wie der Bericht geschnitten werden soll. Es kam mir vor, als führte ich ein Second-Hand-Leben, in dem ich nur das ansah, was andere taten. Ich überlegte also, wie ich Flüchtlingen am besten helfen könnte. 1998 las ich in einem Zeitungsartikel, daß die Dresdner Sprengschule bosnische Flüchtlinge zu Minenräumern ausbildet. Ich war völlig elektrisiert und mit einem Mal war alles klar: Die wichtigste Voraussetzung für die Rückkehr der Flüchtlinge in ein friedliches Leben ist die Abwesenheit von Waffen, also auch von Sprengkörpern.

Zunächst behielt ich meinen Fernsehjob und machte nur einen Lehrgang zum Munitionsräumfacharbeiter. Zwei Wochen Theorie, vier Wochen Praxis. Man lernt, mit den Metallsuchgeräten umzugehen, und ein paar Grundzüge über die Munition. Schwierig war am Anfang vor allem der neue Kollegenkreis: Keiner hatte studiert, viele hatten keinen Schulabschluß, ich war die einzige Frau. Nach viel praktischer Arbeit und dem nächsten Lehrgang kam im Jahr 2000 im Kosovo mein erster Auslandseinsatz. Zum ersten Mal stand ich in einem richtigen Minenfeld und sorgte dafür, daß ein Bauer im Kosovo wieder seinen Acker benutzen kann. Ich gab meinen Fernsehjob auf, ließ mich immer weiter ausbilden und reiste in den folgenden Jahren durch alle Balkanländer, Angola, Laos, Kambodscha, Albanien, Vietnam, Afghanistan, Jordanien, Kongo, Sudan und Somaliland. Längere Einsätze führten mich in den Kosovo, nach Mozambique, Simbabwe und Afghanistan.

„Zum ersten Mal stand ich in einem richtigen Minenfeld und sorgte dafür, daß ein Bauer im Kosovo wieder seinen Acker benutzen kann.“

Im Lauf der Zeit hat sich meine Tätigkeit verlagert: Ich bilde Betroffene vor Ort aus, damit sie sich selbst helfen können. Für das Auswärtige Amt reise ich auch häufig ins Ausland, um zu prüfen, ob ein Projekt sinnvoll und die angewandte Räumtechnik effizient ist, das Geld ankommt und so weiter. Seit 2003 bin ich auch politisch aktiv: Für die Vereinten Nationen habe ich in Genf bei Abrüstungskonferenzen gearbeitet und Vorträge gehalten.

So erfüllend die Arbeit vor Ort ist, wenn man den Menschen ein normales Leben zurückgeben kann, so frustrierend ist es auf der Ebene der Abrüstungskonferenzen. Wenn man das Gefühl hat, daß für jede Mine, die jemand mühevoll beseitigt, an einem anderen Ort eine neue gelegt wird. Das ist auch einer der Gründe, warum man für den Job einen langen Atem braucht. Es ist inzwischen auch gar nicht mehr so einfach, in diesen Bereich hineinzukommen. Praktika sind schwer zu finden, und man muß eine lange Ausbildung über sich ergehen lassen. Für diese Ausbildung darf man nicht jünger als 21 Jahre alt sein, ab einer gewissen Stufe braucht man einen sogenannten Unbedenklichkeitsschein, da werden dann auch eine Schufa-Auskunft und ein polizeiliches Führungszeugnis eingeholt. Man sollte den Job als Minenräumer nicht als Egotrip oder Selbstfindung begreifen, und auf gar keinen Fall sollte man auf Macho-Abenteuer aus sein. Im Gegenteil: Man braucht viel Geduld, man muß sich auf andere Menschen einstellen und in sich sehr gefestigt sein. Man darf nicht wie gelähmt vor dem Minenfeld stehen, aber natürlich darf man auch mal Angst haben. Ohne Angst geht es nicht.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeiger
Foto: Fischer

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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1 Leserkommentar

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  1. Berndt Schönwald sagt:

    Beeindruckt hat mich das „Umdenken“ von Vera Bohle, während sie „neben“ dem Flüchtlinslager in Somalia arbeitete: Hut ab, vor einem solch‘ konsequenten Kurswechsel, hinaus aus einem (aber nur scheinbar) sicheren, bürgerlichen Leben!

    Ich mache mir oft Gedanken, ob sich nicht eine einfache, weniger gefährliche Methode entwickeln ließe, dass diese geplagten Menschen auf ihre, jetzt noch minenverseuchten, Ländereien zurückkehren könnten: z.B. Einsprühen der Flächen durch Agrarflugzeuge mit chemischen oder bakteriellen Lösungen, die die Stickstoffverbindungen der Sprengstoffe zu harmlosem Dünger abbauten.

    Herzlichen Gruß an Vera Bohle: Ich hoffe, ihr geht es gut!?

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