Eine Liebe, die schon 66 Jahre hält: Interview mit den Großeltern

Geschrieben von am 28/04/2006 in jetzt.de, Süddeutsche mit 0 Kommentare

Man könnte es jeden Tag tun und gerade deshalb macht man es nie: ausführlich mit den eigenen Großeltern reden. Sich von Oma erzählen lassen, ob sie vor Opa in einen anderen verliebt war. Oder Opa fragen, ob er Angst hatte, damals im Krieg. Hier sprechen Grete und Ernst Koch (90 und 92 Jahre alt) über ihr Leben – über eine Liebe, die seit 66 Jahren hält, über zerbröselten Kuchen und getrennte Schwimmbäder.

Schön, dass ich euch ein paar Fragen stellen darf.
Beide: Ja, aber hoffentlich interessiert es auch wen.

Ihr seid 66 Jahre verheiratet. Wie schafft man es, solange verliebt zu bleiben?
Grete: Einen guten Willen muss man haben, beinander zu bleiben.
Ernst: Ja, das stimmt.
Grete: Wir mussten auch oft heftig streiten. Aber wir waren immer gewillt, uns zu versöhnen. Wir wären nie schlafen gegangen, ohne uns zu vertragen.

Streit ist also kein Zeichen, dass man nicht zusammenpasst?
Grete: Nein, gar nicht. Ich glaube, die jungen Leute werfen zu schnell die Flinte ins Korn. Vor allem die Frauen hauen so schnell ab, früher waren es eher die Männer, die ihre Freiheit suchten.
Ernst: Ich glaube auch: Ihr kämpft heute weniger um die Liebe.

Grete und Ernst Koch auf der Interview-Couch

Grete und Ernst Koch auf der Interview-Couch

Man hat immer das Gefühl, da kann ja auch noch was anderes kommen. Worüber habt ihr früher gestritten?
Grete: Über die Erziehung der Kinder. Dein Opa war immer etwas strenger.

Aber er war doch immer unterwegs – also lag die Erziehung doch automatisch in deinen Händen als Hausfrau.
Grete: Ja, aber der Mann war die Paschafigur. Das Oberhaupt der Familie, der hat entschieden. Die Frauen wurden ja erst 1954 gleichgestellt. Vorher galt ausschließlich das Wort des Mannes. Wo man wohnt, auf welche Schulen die Kinder gehen, alles entschied der Mann.

Das wäre heute unvorstellbar. Keine Frau würde das mitmachen.
Ernst: Das kam natürlich auch daher, dass meist nur die Männer berufstätig waren. Aber deine Großmutter und ich stimmten uns trotzdem immer ab. Als mir zum Beispiel die erste Stelle in München angeboten wurde, sagte ich dem Geschäftsführer: „Tut mir leid, das kann ich erst entscheiden, wenn ich mit meiner Frau gesprochen habe.“

Und? Warst du einverstanden, Oma?
Grete:Ich hatte vor allem Angst um die Kinder. München war eine Großstadt und damit, so hatte ich von meinen Eltern gelernt, ein Sündenpfuhl. Da waren die Verbrecher. Ich hatte also schon Angst. Aber die hat sich schnell gelegt.

Aber du bist gefragt worden. Hast du dich also doch gleichberechtigt gefühlt?
Grete:Ja, in solchen Dingen schon. Aber wirklich gleichberechtigt wurden die Frauen erst durch die Pille und die Berufstätigkeit. Sie müssen nicht mehr die Kinder haben und können finanziell selbständig leben. Ich hätte ja gar nicht abhauen können. Ich hatte kein Geld, keine Berufsausbildung.

Wolltest du abhauen?
Grete: Nein. Ich nehme die Formel „Bis dass der Tod euch scheidet“ sehr ernst. Darüber lacht ihr heute vermutlich.

So würde ich es nicht sagen. Die meisten, die heute heiraten, glauben auch daran, dass sie ein Leben lang zusammen sein werden. Aber wenn es dann doch nicht klappt, ist es eben nicht so schlimm.
Grete: Bei Euch läuft das eher in Etappen, wie heißt der Begriff noch mal?
Ernst: Lebensabschnittsgefährten! Auf so eine Idee wären wir nie gekommen

Wie habt ihr Euch kennen gelernt?
Grete: Ich ging mit einem Bekannten, dem schönen Leopold zum Skifahren. Er sagte, dass noch zwei andere kämen und einer davon war Ernst.
Ernst: Die beiden anderen fuhren dann einfach ab und ließen mich mit Grete allein. Ich fuhr dann hinter ihr her und dachte: „Das wäre eine zum Heiraten.“

So schnell?
Ernst: Ja. Aber dann musste ich noch sieben Jahre warten.

Warum ließt du ihn so lange warten?
Grete: Zuerst konnte ich ihn nicht leiden. Aber selbst später, als ich ihn dann mochte, durften wir nicht heiraten, da er als Soldat dafür 25 hätte sein müssen. Selbst wenn ich ein Kind von ihm gehabt hätte, eine Heirat war nicht erlaubt.

Aber wart ihr vorher schon ein Paar?
Grete: Ein uneheliches Kind wäre damals eine Katastrophe gewesen. Deshalb war für uns unaufgeklärte Mädchen damals der einzige Schutz: kein Sex.

Dann wart ihr also nur befreundet?
Ernst: Wir sind spazieren gegangen. Baden war dagegen streng getrennt!
Grete: Bei uns gab es sieben Bäder: das Militärbad, ein Bubenbad, ein Mädchenbad, ein Gymnasialbad und so weiter.

Heute wartet kaum jemand mit dem Sex bis zur Ehe, alle gehen ins selbe Freibad.
Grete: Manches davon hat uns schon irritiert. Aber ich glaube, deinen Großvater mehr als mich.
Ernst: Heutzutage hat man überall den Sex vor der Nase. Kein Wunder, dass niemand mehr um die Liebe kämpft. Es ist nichts Besonderes mehr.

Hattet ihr, bevor ihr ein Paar wurdet, schon einen festen Partner?
Grete: Früher bekam ein Mädchen einen schlechten Ruf, wenn sie schon mal einen Freund hatte oder gar mit ihm im Bett war. Wenn da was bekannt wurde, war das Mädchen weg. Die hat keiner mehr geheiratet. Das ist heute sicher besser.

Das stimmt. Aber trotzdem wird es Jungen immer noch eher verziehen, wenn sie viele Sexpartner haben als Mädchen. Die müssen sich mehr um ihren Ruf sorgen.
Grete: Ach so. Und der Junge gilt derweil als toller Hecht.

Macht ihr euch Sorgen, dass ich noch nicht verheiratet bin?
Grete: Nein, gar nicht. Die Zeiten sind eben anders. Aber ganz allein bleiben, ohne festen Partner – das sollte man nicht. Das ist nicht gut.
Ernst: Mir macht das auch keine Sorgen. Wir haben uns aber immer gefragt, was aus unseren Enkeln wird. Wie sie sich entwickeln, welche Berufe sie ergreifen.

Heute können sich viele Menschen ihren Beruf nach ihren Neigungen aussuchen. Sie wollen sich selbst verwirklichen. Bei euch war das sicher anders . . .
Grete: Selbstverwirklichung. Gut, dass du das sagst. Ich höre das Wort so oft. Und wollte dich schon immer fragen, was das ist.

Es ist ein überstrapazierter Begriff, aber er bedeutet im Grunde: das zu tun, was einem liegt, worin man ein Talent hat, was einem Freude macht.
Grete: Ja, das ist ein Luxus, den wir nicht hatten. Meine Eltern hatten eine Gärtnerei. Die musste mein Bruder übernehmen, da gab es keine Diskussion. Dabei hätte er viel lieber was anderes gemacht.

Hattest du vor, einen Beruf zu ergreifen?
Grete: Ich wollte ins Hotelfach. Da hätte ich gern eine Ausbildung gemacht. Etwas, wo man mit Gästen und Gastfreundschaft zu tun hat. Aber ich musste sofort nach der Schule anfangen, in der Gärtnerei zu helfen. Bis zur Heirat.

Die Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebt haben, werden immer weniger. Wie haben euch die Kriegserlebnisse geprägt?
Grete: Das ist ganz einfach: Nie wieder Krieg. Es gibt nichts Schlimmeres.
Ernst: Es war eine furchtbare Zeit.
Grete: Siehst du dir Kriegsfilme an?

Ja, aber sind die wirklich repräsentativ für das Grauen des Krieges?
Grete: Nein, die Filme nicht, da sind oft Liebesgeschichten und alles Mögliche drin. Aber oft sieht man auch Originalaufnahmen. Von den Bränden, wie die Leute durcheinander schreien, die ganzen Scheußlichkeiten.

Opa, du warst in der Wehrmacht. Haben dich die Erlebnisse des Krieges danach noch verfolgt?
Ernst: Oh ja. Am Anfang war es besonders schlimm. Vor allem nachts.
Grete: Einmal hast du mich im Schlaf gepackt und geschrieen, als wäre ich der Feind. Ein paar Mal hast du auch das Bett nass gemacht.
Ernst: Mit der Zeit wurde es dann besser. Aber selbst heute träume ich manchmal noch, dass die Russen hinter mir her sind.

Wie hast du das Kriegsende erlebt?
Ernst: Ich hatte das Glück, dass der Kommandeur uns entlassen hat. Am 14. April hat er uns zusammengerufen und mitgeteilt, dass die Amerikaner am folgenden Tag den Ruhrkessel ausräumen würden. „Wir können uns totschlagen lassen oder heimgehen. Ich habe mich fürs Heimgehen entschieden.“ Wir sind auseinander wie ein Sauhaufen. Niemand hat sich vom anderen verabschiedet.


Und wie bist du nach Hause gekommen?
Ernst: Zu Fuß, mit Kompass. Als Offizier musste ich erst noch acht Leute jeweils in ihrem Heimatort abliefern, danach bin ich alleine nach Hause marschiert.

Hattest du Angst?
Ernst: Angst hatte man immer. Aber ich wusste ja, dass zu Hause jemand auf mich wartet. Der erste Mensch, den ich getroffen habe, als ich nach vier Wochen endlich in Sigmaringen ankam, war mein Schwiegervater.

Oma, wann hattest du zum letzten Mal etwas von Opa gehört?
Grete: Im Oktober habe ich die letzte Post bekommen. Zu Weihnachten habe ich ihm noch einen Kuchen gebacken und ihn per Feldpost verschickt. An Ostern kam der Kuchen wieder zurück, in Tausend Brösel zerbrochen.

Heute findet Krieg für die Deutschen fast nur noch im Fernsehen statt und ist weit weg. Trotzdem hat man das Gefühl, es gibt nur schlechte Nachrichten, kaum gute. Lebt ihr gerne in der Gegenwart?
Grete:Wir sind so alt, es berührt uns nicht mehr.
Ernst: Wir sind froh, dass wir jeden Morgen aufstehen können. Das Geld, das wir jeden Monat bekommen, reicht.
Grete: Wir wollen eigentlich bloß noch unsere Ruhe. Das Wichtigste ist uns, dass wir einander haben.
Ernst: Wenn ich alleine wäre, dann würde ich nicht mehr leben wollen.

Wie begegnet ihr Jugendlichen?
Ernst: Was mich ärgert: Wenn die im Bus ihre Füße auf den gegenüberliegenden Sitz legen. Oder auf den Parkbänken hinter unserem Haus: Die Schüler setzen sich immer auf die Lehne, die dreckigen Schuhe auf der Sitzfläche.
Grete: Ich muss zugeben: Ich habe oft Angst vor den Jungen.

Dass sie dir etwas tun?
Grete: Nein, hauen wird mich schon niemand. Aber dass sie frech werden und gemeine Dinge sagen: „Du alte Schachtel“. Das würde mich sehr kränken. Deshalb gehe ich denen meistens aus dem Weg.

Der heutigen Jugend wird auch häufig vorgeworfen, dass sie sich nicht mehr engagiert. Seht ihr das auch so?
Ernst: Ehrlich gesagt, ist mir das egal.
Grete: Engagierst du dich denn?

Ich bin in keiner Partei, in keinem Verein und keiner Organisation. Ich spende regelmäßig ein bisschen Geld für verschiedene Zwecke, aber Engagement kann man das nicht nennen.
Grete: Aber muss man denn irgendwo organisiert sein? In unserer Jugend, zur Zeit der Weimarer Republik, haben sich die Männer sehr politisch engagiert. Die Mädchen weniger – was nicht heißt, dass ich in politischen Dingen keine Meinung habe. Frag nur deinen Großvater!

Was kommt jetzt für eine Geschichte?
Ernst: (lacht) Oh, ich weiß, was sie meint. Zu unserer Goldenen Hochzeit rief das Büro des Oberbürgermeisters an und gratulierte uns. Gleichzeitig wurden wir gefragt, ob wir uns über ein Glückwunschschreiben vom Landesvater Edmund Stoiber freuen würden. Da sagte ich nur: „Von dem Jesuiten will ich nichts.“

Und da war Oma nicht einverstanden?
Ernst: Ganz und gar nicht.
Grete:Ich fühlte mich übergangen. Ich war doch auch Teil dieser Goldenen Hochzeit und wollte gefragt werden.

Hast du dann die Gratulation noch bekommen?
Grete: Erst Jahre später . . .
Ernst: Als wir die Eiserne Hochzeit feierten, rief die Stadt wieder an und gratulierte. Am Ende des Gesprächs fragte die Dame: „Gilt denn ihr Verbot gegen Glückwünsche des Ministerpräsidenten noch?“ Da sagte ich: „Nein, denn meine Frau hat mich deswegen geschimpft.“

Da hatte sie aber auch Recht.
Ernst: Ich kann den Stoiber halt nicht leiden.
Grete: Du musst ihn ja auch nicht leiden können, wenn er mir gratulieren will. Wir müssen ihn ja nicht wählen.
Ernst: Von der Staatskanzlei kam dann tatsächlich ein Gratulationsschreiben mit einer Goldmünze dabei.
Grete: Na ja, mit einer vergoldeten Silbermünze. Hier, nimm noch ein bisschen Kuchen – der soll doch nicht übrig bleiben.

Danke, aber nach dem Stück kann ich wirklich nicht mehr. Habt ihr Angst vor dem Tod?
Ernst: Nein.
Grete:Wir haben Angst vor Krankheit, vor Abhängigkeit, vor Pflegebedürftigkeit. Aber vor dem Sterben nicht.
Ernst: Ich hoffe, dass es schnell geht.

Was kommt nach dem Tod?
Ernst: Ich glaube nicht an Gott. Wenn man tot ist, ist es vorbei.
Grete: Man lebt noch im Gedächtnis der Kinder und Enkel weiter – solange bis die auch gestorben sind. Du kennst uns noch, deine Kinder werden uns schon nicht mehr kennen.

Was ist das Wichtigste im Leben?
Grete: Partnerschaft, Elternschaft, Gesundheit
Ernst: Die Liebe.

Interview: Christoph Koch
Foto: Maria Dorner
Erschienen in: jetzt.de / Süddeutsche Zeitung

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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