Viel Rauch um nichts – eine Typologie der Raucher

Geschrieben von am 06/12/2005 in Die Zeit mit 0 Kommentare

Der Schnorrer

Seine Kleidung kauft er im »Designer Outlet«. Gesundheitsratschläge holt er sich von befreundeten Medizinern auf Partys. Immer wenn die Zigarettenpreise steigen, hat er »eigentlich gerade aufgehört«. »Eine letzte noch« ist ein beliebter Satz, wenn er zum zehnten Mal nach einer Zigarette fragt. Hört man von ihm nichts, ist es in der Regel September. Da ist er aus dem Urlaub zurück und raucht zollfreie Zigaretten – die erlaubten Stangen hat er am Flughafen auf die ganze Familie verteilt.

Er hört auf, wenn … alle anderen nur noch Drehtabak oder im Hindukusch hergestellte Lungenkratzer rauchen.

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Der Softpackraucher

Egal, ob er gerade bei Habitat einkauft, etwas in seinem Wok kocht oder am Kicker steht, immer wieder erzählt er dieselbe Geschichte: Die Softpacks würde sein Kioskbesitzer um die Ecke bestellen, exklusiv für ihn. Umständlich knibbelt er eine filterlose Zigarette aus der zu engen Verpackung – das legere Herausklopfen hat nicht funktioniert, oder der Schachtelinhalt flog durch den ganzen Raum. Zu dumm, dass die Zigarette mal wieder in der Mitte reißt. Anstatt sie nun wegzuwerfen, versucht er mit Zeigefinger und Daumen beim Rauchen den Riss zu schließen. Das sieht überhaupt nicht mehr »designmäßig« aus.

Er hört auf, wenn … Kautabak sich als neuer Trend durchsetzt.

Die Spitzendame

Was als Kostümgag auf einer Studentenparty unter dem Motto »Roaring Twenties« begann, hat sie als Marke etabliert: Auch Jahre später käme es ihr nie in den Sinn, an einer Zigarette zu ziehen, ohne ein edles Mahagoni-Mundstück zwischen ihren Lippen. Nicht nur hat sie »irgendwo gelesen«, dass Zigarettenfilter mit Glasklingen geschnitten werden und deswegen voller Mikrosplitter sind – sie empfindet die lange feine Halterung inzwischen auch als so etwas wie den sechsten Finger ihrer Hand.

Sie hört auf, wenn … sie merkt, dass der Rauch – auch durch die Zigarettenspitze hindurch – ihrem zarten Alabasterteint schadet.

Der Internationale

Von Reisen bringt der Internationale keine Souvenirs mit, sondern Rauchwaren. Gitanes Mais aus Frankreich (»fallen hier unters Betäubungsmittelgesetz«), obskure Rauchstäbchen aus Ägypten oder die makabre Marke Death aus England – der Internationale genießt nicht den Geschmack, sondern die Geste, mit der er sie auf den Tisch legt. Fragt man sich, was in der Restaurantküche für ein Unglück passiert ist, liegt es oft an ihm, der sich eine Nelkenzigarette angesteckt hat. Vorteil: Niemand will von ihm schnorren.

Er hört auf, wenn … Zigaretten so teuer werden, dass jeder Billigware aus dem Ausland raucht.

Der Selberdreher

In einem abgewetzten Ledermäppchen führt der Selberdreher stets Tabak und Blättchen (die er lässig »papers« nennt) mit sich, oft auch kleine Drehfilter, die er kunstvoll mit in die Zigarette hineinwickelt. Zu Hause schüttet er die Reste aus alten Tabakbeuteln in eine große Metalldose – »für harte Zeiten«. An besonderen Abenden, wenn sich der Dreher »richtig was gönnen« will, kauft er sich eine Schachtel American Spirit. Ein wenig sieht er sich in dem Indianer auf der Packung selbst abgebildet – als der letzte Dreh-Mohikaner.

Er hört auf, wenn … seine Freundin sich weigert, ihn zu küssen, da sie sich vor den Tabakfitzeln zwischen seinen Zähnen ekelt.

Der Steckhülsenraucher

Um seine Tagesration (zwei Päckchen) zusammenzubasteln, braucht der Steckhülsenraucher vom Beginn der Sendung »Richterin Barbara Salesch« genau bis zur zweiten Werbepause. Dieser Wert hat sich in jahrelanger Routine eingependelt. Die Steckmaschine ist eine klapprige Plastikratsche, an der kleine Aufkleber von der Liebe künden, die dem Apparat entgegengebracht wird. Der Steckhülsenraucher findet es keine Schande, Sparsamkeit und Praktisches zu verbinden: Deshalb schneidet er seiner Familie die Haare selbst und trägt die alten Klamotten des ältesten Sohnes auf.

Er hört auf, wenn … Baukastenkippen genauso besteuert werden wie fertige Zigaretten.


Der 100er-Raucher

Für Menschen wie ihn wurde die Angabe »Preis pro 100 g« auf den Schildern im Supermarkt entwickelt. In seinem Kühlschrank befindet sich eine Familienpackung Pizza und ein 1,5-Kilo-Glas Nutella – dabei lebt er schon lange in einem Singlehaushalt. Er findet es merkwürdig, dass die Industrie 100er-Zigaretten auf den Markt bringt, »zu exakt dem selben Preis wie die kleinen«. Noch mehr wundert ihn, dass diese dann nicht alle rauchen. Meist drückt er sie vor dem letzten Drittel aus und sagt: »Ab der Schrift ist Gift.«

Er hört auf, wenn … seine Krankenkasse den Raucherzuschlag erhöht.

Text: Mathias Irle & Christoph Koch
Erschienen in: Die Zeit

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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