„Das war kein MTV-Hüpfen, das war so ein Freu-Hüpfen“

Geschrieben von am 27/10/2005 in jetzt.de, Süddeutsche mit 0 Kommentare

Thees „Tomte“ Uhlmann und Marcus „Kettcar“ Wiebusch über die Dreharbeiten zu „Keine Lieder über Liebe“

Drei Wochen lang waren Heike Makatsch, Jürgen Vogel und Florian Lukas für den Film „Keine Lieder über Liebe“ mit der Hansen Band auf Tour. Einer Band, die für den Film gegründet wurde und jetzt real existiert. Dabei: Thees Uhlmann von Tomte und Marcus Wiebusch von Kettcar. Ein Interview über die Dreharbeiten zu einem Film, der die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm, zwischen Liebesdrama und Rockmovie überschreitet.

Hansen

Look At Us, We Formed A Band: Felix Gebhard, Max Schröder,Thees Uhlmann, Jürgen Vogel und Marcus Wiebusch (von links)

Was für einen Unterschied macht es, ob ihr einen Song für eure eigenen Bands Kettcar und Tomte schreibt – oder für eine Filmband, in der dann ein Schauspieler den Text singt?

Thees: Musikalisch ist das kein großer Unterschied: Man setzt sich halt mit der Gitarre hin und wenn man Glück hat, kommt ein Lied dabei heraus. Textlich fand ich es sogar einfacher. Bei Tomte gehe ich mit meiner vollen Persönlichkeit in die Texte rein und für die Hansentexte habe ich mich in einen Charakter hineinversetzt. Das ist dann wie eine fiktive Geschichte zu schreiben, ich habe da weniger Verantwortungsdruck gespürt.

Was für eine Person habt ihr euch beim Schreiben vorgestellt?

Marcus: Die Filmfigur Markus Hansen, die von Jürgen Vogel gespielt wird. Ich habe mich vorher ein paar Mal mit ihm getroffen, und wir haben drüber gesprochen, was dieser Hansen für ein Typ ist. Der ist eher so hart und ruppig, und für Jürgen war es sehr wichtig, dass der Typ nur durch seine Kunst mal etwas Gefühlvolleres sagen kann. Kurz: Markus Hansen ist so ein gebrochener Dreißigjähriger, der noch mal von vorne anfängt und glaubt, er hat noch was zu sagen.

Thees: Er macht zum ersten Mal seit Jahren wieder Musik, hat Stress mit seinem Bruder und so weiter, wir kannten also seine fiktive Biographie.

Wie war es, als Jürgen Vogel zum ersten Mal die Songs gesungen hat?

Marcus: Das war schon hart. Einfach, weil es oft wirklich schief war. Aber man hat gemerkt, er kann das lernen – und noch viel wichtiger: Er hat Bock drauf.

Was musstet ihr ihm beibringen?

Thees: Der ist am Anfang so rumgesprungen. Wie ein Gummiball! Das hat er vielleicht auf MTV gesehen . . .

Marcus: Nee, das war kein MTV-Hüpfen, das war so ein Freuhüpfen. Aber es sah trotzdem bescheuert aus. Wer uns kennt, weiß, dass wir so was nie tun würden. Das passt auch gar nicht zu den Songs.

Thees: Aber dadurch, dass das Verhältnis so gut war, konnte man eben auch bei der zweiten Probe sagen: „Ey, das nervt – und wenn du weiter so rumhüpfst, tret’ ich dir in die Beine“.

Wie war es, als dann auf eurer gemeinsamen Tour ständig Kameras dabei waren?

Thees: Es war schon anders als sonst, weil wir plötzlich auf kleinstem Raum mit 30 Leuten zusammengepfercht waren. Da findest du dann ausnahmsweise mal eine ruhige Ecke und willst dich hinsetzen, dann sitzen da aber schon wieder drei Beleuchter und reden. Wir hatten nie Zeit für uns alleine und mich hat das mürbe gemacht. Marcus und ich sind dann auch mal einen Tag weggefahren, haben uns Zeitungen gekauft, den ganzen Tag nichts gesagt und sind abends zum Death-Cab-Konzert gegangen.

Klingt nach einer anstrengenden Zeit.

Marcus: Aber es war gerade am Anfang natürlich auch irre spannend. Ich bin großer Filmfan, und da waren dann plötzlich Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Florian Lukas am Set – also drei Schauspieler, die ich gut finde und ich konnte zusehen, wie die arbeiten, und war direkt dabei. Klingt vielleicht albern, aber das kann mir niemand mehr nehmen. Aber es ist auch klar, dass diese Besonderheit im Lauf einer Tour dann abflacht und man alles als eher anstrengend empfindet.

Hattet ihr am Anfang wenigstens Lampenfieber?

Marcus: Die Filmleute fanden vor allem das Banale spannend: wie wir in einem Club ankommen und unsere Verstärker aufbauen – also Sachen, die wir seit 500 Auftritten machen. Dann denkt man natürlich sofort, man müsste viel mehr reden und Feuer und Esprit reinbringen – und plötzlich hat man so einen Druck, permanent witzig und geistreich sein zu müssen. Das hat schon zehn Tage gedauert, bis es weg war.

Thees: Ehrlich gesagt – ich bin froh, das gemacht zu haben. Aber ich würde es nicht noch mal machen.

Habt ihr euch als Schauspieler gefühlt?

Thees: Ich habe gemerkt, dass ich überhaupt keine schauspielerischen Ambitionen habe. Etwas darstellen, eine Rolle auswendig lernen? Ich kann nur mich selbst als Uhl. Moshing Uhl.

Marcus: Wir sollten ja auch „ganz normal“ sein, „einfach nur wir selbst“. Dabei ist das allein schon unfassbar schwierig, wenn da hinten zum ersten Mal Heike Makatsch um die Ecke kommt . . .

Dafür kommt ihr im Film aber relativ souverän rüber.

Marcus: Hey, es gibt über 200 Stunden Material, bei vielen davon bin ich sehr froh, dass die nicht im Film sind. Zum Beispiel ein Gespräch mit Heike über Yoko Ono – desaströs, totale Scheiße, die ich da rede. Oder eine Szene, in der ich Florian Lukas zusammenfalte. Fanden alle toll, ich hab mich danach nur geschämt – da merkt man halt, dass ich kein Schauspieler bin.

Während der Dreharbeiten sind auch Heike Makatsch und Hansen-Schlagzeuger Max Schröder ein Paar geworden – habt ihr damals damit gerechnet, dass das bedeutet, dass auch ihr plötzlich in eher fragwürdigen Gala-Klatschartikeln auftaucht?

Marcus: Während der Dreharbeiten war das alles noch zu frisch, da gab es noch keine Berichterstattung. Jetzt weiß jeder, dass die beiden zusammen sind und sie müssen damit umgehen, dass die Medien sich dafür interessieren. Max will diese Öffentlichkeit zum Beispiel überhaupt nicht, dem ist das extrem unangenehm.

Thees: Es ist erstmal immer schön, wenn Menschen sich verlieben. Aber es war beängstigend, zu sehen, wie dieses System Klatschpresse operiert: Wie plötzlich tatsächlich Leute vor der Wohnung von Max lauern. Oder wie ein Bekannter von uns Fotos an die Neue Revue verkauft, bloß weil es da ein bisschen Geld zu holen gibt.

Gab es nicht eine Zeit lang sogar das Gerücht, Thees wäre mit Heike zusammen?

Thees: Das stand in der Hamburger Mopo. Ich war auf dem Weg in die USA und las das in deren Klatschspalte. Die haben sogar behauptet, sie hätten mit mir gesprochen. So ein Quatsch, da ruft mich ja eher noch der Bundeskanzler an. Das sind einfach Menschen, die berufsmäßig lügen. Ich malte mir nur panisch aus, wie meine richtige Freundin das liest und bin vom Flughafen in L.A. erst mal direkt zum nächsten Telefon gehetzt.

Wie geht es nach dem Film mit der Hansen Band weiter?

Thees: Wir machen zur Veröffentlichung der CD noch eine Tour – der Rest steht in den Sternen. In erster Linie ist es eine Bocksache. Hat man Bock, noch mal gemeinsam loszufahren, in einem Club in Rostock oder bei „Rock am Ring“ zu spielen? Wie es weitergeht, entscheidet dann eben der Bock.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Foto: Film 1

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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