Anton Corbijn: Der ehrliche Blick

Geschrieben von am 27/09/2005 in jetzt.de, Süddeutsche mit 0 Kommentare

Für den niederländischen Künstler Anton Corbijn ist die Musik wichtiger als die Fotografie. Vielleicht hat er deshalb einige der aufregendsten Videoclips gedreht.

Im Pfarrhaus der winzigen holländischen Insel Strijen liegt Mitte der sechziger Jahre häufig ein schlaksiger Junge mit Segelohren auf dem Fußboden. Der Wind trägt das Glockengeläut des Kirchturms durch das Fenster hinein, aber der Junge hört es nicht. Denn er konzentriert sich auf die Lieder aus dem Transistorradio, das neben ihm auf dem Boden liegt. Er schließt die Augen und stellt sich vor, wie die Menschen aussehen, die diese Musik spielen. Wie die Plattenhüllen gestaltet sind, in denen diese Musik steckt. Der Junge ist der Sohn des Pfarrers, er heißt Anton Corbijn, und heute muss er sich nicht mehr erträumen, wie die Popstars und ihre Plattenhüllen aussehen – denn er hat Hunderte von ihnen fotografiert.

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Wie niemand sonst hat Corbijn das visuelle Bild der Popmusik geprägt. Nicht nur durch seine inzwischen weltberühmten Fotografien, sondern – und darüber wird erstaunlich selten gesprochen – auch durch die mehr als 70 stilprägenden Musikvideos, die er für Bands wie U2, Depeche Mode, Nirvana, Joy Division oder Metallica gedreht hat.

„Ich bin im Grunde genommen ohne Bilder aufgewachsen“, erzählt der inzwischen 50-jährige Corbijn auf der Couch eines Londoner Hotelzimmers. „Wir hatten keinen Fernseher, es gab kein Kino, keine Magazine – in der calvinistischen Kirche meines Vaters hingen nicht einmal religiöse Darstellungen“. In diesem visuellen Vakuum, dieser „beklemmenden überschaubaren Welt“ wird die Musik schnell das Gravitationszentrum. Und als der junge Anton erfährt, dass die Beatles nach Holland kommen und er sie nicht sehen kann, blutet sein Herz: „Es schmerzte so sehr, nicht dabei sein zu können.“ Die Erlösung kommt, als die Familie aufs Festland umsiedelt. Corbijn beginnt in Konzerte zu gehen, doch da der hoch aufgeschossene und streng religiös erzogene Junge sehr schüchtern ist, wagt er sich zunächst nie nahe an die Bühne heran.

Erst als die Kamera des Vaters um seinen Hals hängt, traut er sich in die vorderste Reihe und beginnt die Bands zu fotografieren, die – inzwischen ist es 1972 – durch Holland touren. „Aus der Fotografie habe ich mir eigentlich nie etwas gemacht“, erzählt Corbijn später und ist dabei natürlich nicht frei von Koketterie. „Es war immer die Musik, die meine große Liebe war.“ Er versucht sich als Schlagzeuger, merkt jedoch schnell, dass er kein Talent hat. Anders als mit der Kamera: Holländische Zeitungen und sogar das britische Musikmagazin New Musical Express drucken in den folgenden Jahren seine Konzertbilder, und die Bands schätzen seine spontane Art zu fotografieren. Die Kunstakademien Hollands scheinen diese Begeisterung nicht zu teilen, denn Corbijns Mappen werden dreimal abgelehnt. Heute bitten sie ihn darum, als Dozent zu ihnen zu kommen.

Aber Corbijns Liebe zur Musik zieht ihn sowieso in eine ganz andere Richtung. Über den Ärmelkanal hinweg ruft sie nach ihm, aus London genauer gesagt, wo Ende der Siebziger gerade Bands wie Joy Division, Sex Pistols und The Jam den Ton angeben. „Eigentlich bin ich vor allem wegen Ian Curtis und seiner Band Joy Division nach London gezogen“, erinnert sich Corbijn. „Ich war ein unglaublich großer Fan ihrer Musik und wollte ihnen nah sein. Ich hatte keinen Job, keine Freunde und selbst, als ich in der Redaktion des New Musical Express vorbeiging, bekam ich erst einmal nur Holländerwitze zu hören, aber keine Aufträge.“

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Corbijn muss nicht lange darben, denn schon im Januar 1980, zwei Monate nach seinem Umzug, hat er sein erstes Magazincover fotografiert. In den ersten Jahren sind es Musiker, die vor der Linse von Corbijns einfacher Hasselblad-Kamera landen. U2 zum Beispiel, die 1982 noch niemand kennt, und die bis heute eine enge Freundschaft mit Corbijn verbindet, welche beispielsweise in dem drei Kilo schweren Bildband „U2&i“ dokumentiert ist. Aber auch bereits bekannte Musiker wie David Bowie, Peter Gabriel, Miles Davis oder Bill Morrissey lassen sich bereitwillig von Corbijn fotografieren, oft in ungewöhnlichen Posen, an untypischen Orten oder in Outfits, die man nicht mit ihnen in Verbindung bringt. Corbijn über seinen Anspruch: „Das Ziel als Fotograf und als Filmemacher muss immer dasselbe sein: etwas zu erschaffen, das noch nicht da ist. Das klingt sehr vage, aber es ist die Essenz. Andernfalls vergrößert man nur den Müllhaufen.“

Die kontrastreichen und grobkörnigen Schwarzweißbilder Anton Cobijns werden bald zu einem Markenzeichen, zahlreiche Fotografen kopieren seinen ungeschönten Stil, und Anfang der Neunziger gibt es fast keine berühmte Persönlichkeit mehr, die sich nicht gerne von Corbijn fotografieren lässt. Doch auch wenn er die Pop-Fotografie hinter sich gelassen hat, die Leidenschaft für Musik erfüllt ihn nach wie vor, und so dreht Corbijn weiterhin regelmäßig Musikvideos. Dabei entspricht die Arbeit an einem Filmset eigentlich gar nicht dem Wesen des scheuen Holländers: „Als Fotograf bin ich meistens eine Art One-Man-Show. Ich brauche keinen Beleuchter, keine Assistenten, niemanden, der Kaffee holt. Aber wenn du filmst, sind eine Menge solcher Hilfsarbeiter notwendig. Außerdem wollen plötzlich viel mehr Leute mitreden, denn es steht deutlich mehr Geld auf dem Spiel als bei einem Fotoshooting. Ich musste plötzlich schriftliche Konzepte vorlegen, das konnte ich überhaupt nicht.“

Auf der gerade erschienenen Werkschau-DVD des renommierten „Directors Label“ sind 30 Musikvideos von Anton Corbijn zu sehen: von seinem allerersten Clip für die deutsche Waveband Palais Schaumburg über legendär gewordene Clips für U2 („One“) und Depeche Mode („Enjoy The Silence“) bis hin zu Herbert Grönemeyers Clip „Mensch“. Und auch wenn die technischen Möglichkeiten im Lauf der Zeit natürlich besser und die Budgets größer werden: Man merkt jedem Video, egal ob dem Low-Budget-Frühwerk oder der hochprofessionellen Großproduktion, an, dass sie mit demselben Enthusiasmus und demselben ehrlichen Blick gemacht sind, wie Corbijns legendäre Fotografien. Man merkt, dass diese Drei- bis Fünfminüter echte Herzensangelegenheiten sind – keine Werbefilmchen, die ein paar CDs mehr losschlagen oder die Eitelkeit der Musiker befriedigen sollen.

„Depeche Mode mochten meine Idee für das Video zu ,Enjoy The Silence‘ anfangs überhaupt nicht“, erinnert sich Corbijn und lacht leise und selbstvergessen. „Sie waren sich sicher, den besten Song aller Zeiten geschrieben zu haben und wollten, dass ich mit einem anderen Konzept wiederkomme. Aber ich konnte nicht. Ich wollte unbedingt den König, der den Liegestuhl durch den Schnee trägt.“ Oft sind es kleine, versteckte Sachen, die den Videos von Corbijn noch einen besonderen, zusätzlichen Reiz geben. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Lippen von Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan im Video zu „Enjoy The Silence“ nur ein einziges Mal bewegen: genau bei der Zeile „Words are very unnecessary“. Die Einfälle und Szenarien für die Videos stammen dabei immer von Corbijn selbst, die Ideen von Plattenfirmen und Werbestrategen abfilmen sollen andere. Nur ein einziges Mal ließ sich der Pfarrerssohn etwas diktieren: „Als ich das Video für Nirvanas Song ,Heart-Shaped Box‘ gedreht habe, hatte Kurt Cobain ganz genaue Vorstellungen, wie es aussehen sollte. Er lieferte ein Storyboard ab, das detaillierter war als alles, was ich je gemacht hatte: das Krankenzimmer, der alte Mann am Kreuz, die Embryos, die in den Zweigen hängen – all das stammt von Kurt.“

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Heute dreht Corbijn kaum noch Musikvideos, auch wenn er jeden Monat mehrere Anfragen bekommt. „Ich wollte eigentlich schon vor fünf Jahren aufhören“, beschwert er sich in gespieltem Jammerton, „aber dann rufen Bono oder Herbert an, Freunde eben, und fragen, ob ich nicht doch noch mal mit ihnen drehen will. Denen kann ich das doch nicht abschlagen“. Das letzte Video, das Corbijn gedreht hat, war jedoch kein Freundschaftsdienst: Die US-Band The Killers hatte ihm einfach so lange Songs zugeschickt, bis er irgendwann einwilligte, sie zu treffen und schließlich einen Clip mit ihnen drehte.

Doch nun hat Anton Corbijn sein bisher größtes Projekt gestartet. Und es wird deutlich länger werden als der durchschnittliche Popsong: Für seinen ersten Spielfilm „Control“ hat er sich die tragische Lebensgeschichte des Sängers Ian Curtis der Band Joy Division vorgenommen, der an Depressionen litt und sich 1980 das Leben nahm. Corbijn möchte Ende des Jahres mit den Dreharbeiten beginnen: „Für mich bedeutet der Film wahnsinnig viel, denn Joy Division waren letztlich der Grund, warum ich damals nach England gezogen bin. Ich mache den Film also auch für mich: um herauszufinden, was so Besonderes an diesem Typen Ian Curtis war, der mich von Holland nach London holte.“

Musik wird also auch weiterhin die bestimmende Rolle im Leben des Mannes spielen, der Fotograf wurde, weil er nicht gut genug Schlagzeug spielen konnte. Einmal immerhin schaffte er es trommelnd ins Fernsehen: Bei einem Auftritt in der BBC-Sendung „Top of the Pops“ ließen ihn Depeche Mode hinters Schlagzeug. Corbijns Kommentar: „Es war aber auch wirklich ein Stück mit einem ganz einfachen Beat“. Etwas weniger Bescheidenes hätte man von dem schlaksigen Pfarrerssohn auch nicht erwartet.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Fotos: Anton Corbijn / Directors Label

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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