Natalie Press: Überzeugende Lügnerin

Geschrieben von am 05/07/2005 in jetzt.de, Süddeutsche mit 0 Kommentare

Schauspielerin Natalie Press spricht über erlaubtes Flunkern, Lügen aus Langeweile und die Ehrlichkeit von Politikern

Natalie Press gilt als eine der besten Nachwuchsschauspielerinnen Englands. Sie drehte bereits mit Ralph Fiennes und Penelope Cruz. In dem sehenswerten Film „My Summer of Love“, der gerade ins Kino gekommen ist, spielt die 23-jährige Londonerin ihre erste Hauptrolle: Mona, ein Mädchen aus der Unterschicht, das mit der wohlhabenden Tamsin eine Freundschafts- und Liebesbeziehung eingeht. Diese amour fou dauert einen brütend heißen Sommer lang an, bevor sie mit einer großen Enttäuschung endet. Ein Interview über das Lügen.

Hast du es als Schauspielerin leichter, weil du auch im echten Leben besser lügen kannst als andere?
Jeder hat doch so kleine Tricks, dafür muss man kein Schauspieler sein. Ich weiß auch nicht, ob es richtig ist, Ehrlichkeit immer als größte aller Tugenden hochzuhalten. Du kannst auch ehrlich sein und es macht dich zum Arschloch. Weil die Person in dem Augenblick vielleicht gerade etwas anderes gebraucht hätte.

Summer of love

Ab und zu flunkern ist also erlaubt. Wo ist für dich die Grenze?
Wenn ich bei einem Casting zum Beispiel so tue, als sei ich Schottin, um eine schottische Rolle zu bekommen, finde ich das nicht verwerflich. Wenn ich aber behaupte, meine Mutter wäre gestorben, nur um eine Waise spielen zu dürfen – das finde ich krank. Aber es gibt Kollegen, die tun das.

Warum lügen die Menschen überhaupt?
Mein Schauspiellehrer hat gesagt: Das erste Mal, wenn man lügt, ist das erste Mal, wenn man Angst hat, alleine dazustehen, unrecht zu haben oder zu versagen. Und ich glaube, das stimmt: Diese Ängste sind fast immer der Grund, warum wir lügen.

Als Kind lügt man manchmal aber auch einfach zum Spaß – nur um zu sehen, ob man damit davonkommt. Hast du das auch gemacht?
Klar. Ich habe mich zum Beispiel so geschminkt, als sei ich verletzt und habe mir den Kopf oder den Arm eingebunden. So bin ich dann zum Laden an der Ecke gehumpelt und habe Süßigkeiten gekauft. Ich wollte nichts umsonst haben, ich wollte nur testen, ob es mir jemand glaubt.

Und? Haben die Verkäufer es geglaubt?
Nee, die kannten mich schon. Es war eher so ein Blick: „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß . . .“ Aber ich habe mal meiner besten Freundin erzählt, wir würden in zwei Tagen in die USA auswandern. Am Abend rief ihre Mutter meine an und erzählte, dass meine Freundin völlig aufgelöst sei. „Was hast um Himmels Willen du ihr erzählt?“ hat mich meine Mutter dann gefragt. Ich kann also schon eine überzeugende Lügnerin sein, denke ich.

In dem Film „My Summer of Love“ geht es auch um eine Lüge zwischen zwei Freundinnen, nur dass du diesmal diejenige bist, die belogen wird . . .
Ja, mein Charakter Mona lebt alleine mit ihrem Bruder über einem heruntergekommenen Pub, das früher ihren Eltern gehört hat. Die Mutter ist tot, der Vater verschwunden, aber Mona kommt auf eine harte Art damit klar. Die reiche Internatsschülerin Tamsin, mit der sie sich anfreundet, ist wahnsinnig neidisch auf sie und dieses schwierige Schicksal. Denn Tamsin hat selbst ein trauriges Leben, aber sie kann die Tragik nicht benennen, sie hat keine war story wie Mona – also erfindet sie einfach eine.

Bist du selbst in deinem Leben schon einmal in so großem Stil belogen worden?
Nein, zum Glück. Oder falls doch, dann habe ich es bis heute nicht gemerkt, dass die Person gelogen hat.

Viele Briten sind wütend, dass Tony Blair sie angelogen hat, um die Teilnahme am Irak-Krieg zu rechtfertigen. Ärgerst du dich auch darüber?
Nein, ich fühle mich dadurch nicht persönlich beleidigt. Ich habe zu viel zu tun, um mich über Politik und Politiker zu ärgern. Wie willst du ein erfolgreicher Politiker sein, ohne zu lügen? Ich glaube nicht, dass das geht.

Interview: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung
Foto: Prokino

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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