Schreibmaschine: Die SMS-Worterkennung T9 soll unser Leben erleichtern – das gelingt ihr nicht immer

Geschrieben von am 09/06/2005 in Die Zeit mit 0 Kommentare

Manchmal kommt eine SMS, und es steht da »Ich habe nehmen Zug verpasst« – und der Empfänger ist ein wenig ratlos. Der Grund, weshalb solch kryptische Nachrichten entstehen, ist das Computerprogramm im Handy, T9 genannt, das seit ein paar Jahren schon aus der Reihenfolge der gedrückten Zahlentasten errät, welches Wort gemeint sein könnte, und welches die SMS-Tipperei eigentlich erleichtern sollte. Denn zuvor war es noch nötig, mehrmals auf einer einzigen Taste rumzutippen, um einen einzigen Buchstaben hervorzubringen. Der Nachteil von T9: Manche Wörter teilen sich Kombinationen, die Wörter »nehmen« und »meinen« etwa teilen sich die Reihenfolge der Tasten 6-3-4-6-3-6.

phone keys by williamneuheisel

Auf 400 Millionen Telefonen pro Jahr wird T9, das für »Text auf neun Tasten« steht, inzwischen weltweit ausgeliefert. Wie funktioniert diese Software? Wieso entscheidet es sich bei 6-3-4-6-3-6 zuerst für »nehmen« und erst bei Widerspruch für »meinen«? Die Amerikanerin Lisa Nathan,T9-Produktmanagerin, erklärt es: »Wenn wir die Wort-Datenbank für eine neue Sprache anlegen, sammeln wir zuerst mehrere Gigabyte an Text aus Zeitungen, Zeitschriften und aus Internet-Seiten und Chaträumen in der jeweiligen Sprache.« Die so zusammengetragenen Wortmassen werden anschließend durchgesehen – offenkundig irrsinnige Wörter aus Chats etwa fliegen raus. Je häufiger ein Wort vorkommt, umso eher erscheint es zuerst auf dem Display.

Manche Rechtschreibfehler lassen die Programmierer absichtlich drin – schließlich ist ein SMS-Schreiber frustriert, wenn das Programm ein Wort hartnäckig verweigert, von dem er fest glaubt, dass es existieren müsse. So kommt es, dass T9 sogar ein Wort »Rhytmuß« kennt. » Andere Wörter ergänzen wir, Imperative zum Beispiel wie >gib< oder >nimm<. Die kommen in gedruckten Texten nur selten vor, in Kurzmitteilungen dafür ziemlich oft«, sagt Lisa Nathan.

Aber wie kommt es, dass die Worterkennung zwar den Nazi-Jargon von Hitler bis Euthanasie im Programm hat, Wörter, die den Sex beschreiben oder das Einnehmen von Drogen, häufig aber nicht erkennt und die üblichsten Flüche einfach fehlen? » Wir zensieren nicht«, sagt Lisa Nathan. »in unserer Datenbank stehen alle Wörter – sofern sie häufig genug vorkommen. Aber fast alle Handyhersteller lassen Schimpfwörter und Wörter mit sexueller Bedeutung ausblenden.« Der Nazi-Jargon scheint niemand zu stören.

Weil Flüche, Spitznamen oder nette Abkürzungen im Programm fehlen, ist T9 neuerdings lernfähig geworden: Wer Wörter vermisst, kann sie der Worterkennung beibringen. Die neuesten Handys lernen sogar automatisch, indem sie die eingehenden SMS nach neuen Wörtern durchsuchen. Am meisten Zeit spart man durch die Funktionen »Wortkomplettierung« oder »Wortvorhersage«, die nicht nur vorschlagen, wie das angefangene Wort enden könnte, sondern auch, welches wohl als nächstes kommt. » Ich bin kein sehr pünktlicher Mensch«, gesteht Lisa Nathan, »und wenn ich das Wort >komme< tippe, schlägt mir T9 automatisch >etwas später< als folgende Wörter vor.« Das kann sehr praktisch sein – aber auch sehr nervig. Denn wer will schon ständig an den Namen der Exfreundin Natalie erinnert werden, wenn er nur »nat« für »natürlich« eingegeben hat?

Die schönsten T9-Verschreiber von Handy zu Handy

SÜDEN statt RUFEN

AIDS statt BIER

GUTE MACHT statt GUTE NACHT

GUTEN PUTSCH statt GUTEN RUTSCH

LOKTÖNE statt KOLUMNE

ERFURT statt FREUST

LOVER statt KÖTER

TOD statt UND

ICH statt HAI

IM AUS statt IM BUS

GOA statt INA

KURS statt KUSS

RASCH statt SARAH

DROGE statt FROHE

HÖHE statt INGE

ECHSE statt FÄHRE

MEINEN statt NEHMEN

KALB statt JAJA

POP statt SMS

NAZI statt MAXI

SUPER statt STREß

LOHNT statt JOINT

COME statt ANNE

MARC statt NASA

MAFIA statt NADIA

UNS statt VOR

ROSEN statt SÖREN

EURE statt FÜßE

LOSE statt KOPF

RUNDE statt STOFF

SALATES statt PALAVER

EGAL statt DICK

KÖNNEN statt KOMMEN

FOOD statt DOOF

PAPI statt SARG

Text: Christoph Koch
Foto: William Neuheisel (Creative Commons Licence, CC BY 2.0)
Erschienen in: ZEIT Leben

Anmerkung: Auf unterschiedlichen Handys sind unterschiedliche Versionen der T9-Software installiert, nicht alle Modelle verschreiben sich also gleich.

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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