Gnz krz: Die SMS feiert ihren zehnten Geburtstag. Eine Typologie der Benutzer

Geschrieben von am 06/12/2004 in Die Zeit mit 0 Kommentare

DER FAULE

So wortgewandt er im verbalen Austausch ist, beim SMS-Schreiben benutzt der Faule die vorgefertigten Nachrichten, die im Handy gespeichert sind wie zum Beispiel »Die Antwort ist JA«, »Ich werde mich verspäten: um XX Minuten«, »Treffpunkt: XX Tag: XX, Zeit: XX, Ort: XX« oder »Ich liebe dich«. Letzteres setzt er so universell ein, dass es von »Alles klar« über »Erwarte dich am Wochenende« bis hin zu »Bring mir noch ein Bier mit« beinahe alles bedeuten kann. Um dem Faulen näher zu kommen, muss man als Erstes lernen, diese Codes zu entschlüsseln und zwischen den Zeilen zu lesen. Danach können sich mitunter ganz wundervolle Freundschaftsbande ergeben, da es sich bei den Faulen um durchaus feinsinnige Menschen handeln kann, die der Welt sehr wohl etwas mitzuteilen haben, denen gleichzeitig das SMS-Tippen aber einfach lästig ist. Weil sie sich im Grunde lieber wieder mit ihrer Schachaufgabe oder ihrer Rosenschere befassen wollen.

Die typische SMS: »Herzliche Glückwünsche zu: Geburtstag. Von: Max«.

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DER HEUCHLER

Wirft große Fragen auf wie: »Hast du deine Beziehung verarbeitet?«, oder: »Wie ist es dir in den letzten Monaten ergangen?«, und heuchelt auf diese Weise Anteilnahme, im genauen Wissen: Beantworten kann man solche Fragen in einer SMS nie. Deshalb muss entweder der andere die Gebühren für ein Telefonat übernehmen – um festzustellen, dass den Gesprächspartner das eigene Wohlbefinden auf einmal kaum noch interessiert. Oder er antwortet gar nicht, und der Heuchler hat sein eigentliches Kommunikationsziel erreicht: das eigene Gewissen zu entlasten, eine überflüssige Bekanntschaft galant zu beenden und den anderen dafür auch noch lauthals zu beschimpfen, wenn man sich das nächste Mal durch Zufall auf der Straße trifft.

Typische SMS: »Lieber Rolf, wie hast du deine komplizierte Operation überwunden? Was machen die Kinder? Und der Job? Alles Liebe, dein Martin«.



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DER AUSSCHWEIFENDE

Da er mit den 160 Zeichen einer einzigen SMS nie auskommt, verschickt der Ausschweifende nach einem kurzen »->« oder »…« gleich noch eine weitere, in der der Rest der wohlfeil ausformulierten und pointiert niedergeschriebenen Gedanken steht. Knappe Sätze, Abkürzungen gar sind ihm ein Gräuel, da er Journalist oder Hobby-Schriftsteller ist und deshalb Sprache als das höchste Gut ansieht, das es vor moderner Barbarei zu bewahren gilt. Dass es deutlich barbarischer ist, die Leute, mit denen man am Tisch sitzt, minutenlang in ihren Ausführungen zu unterbrechen, weil man mit einem kurzen »Du, ‚tschuldige, gerade …« anfängt, SMS-Geschwader in die Tastatur zu tippen, merkt der Ausschweifende in der Regel erst, wenn es so weit gekommen ist, dass ihm der Gesprächspartner das Handy wegnimmt und im Bierglas versenkt: »Du, ‚tschuldige, gerade …«.

Typische SMS: »Mein alter Freund! Dich am Wochenende wiederzusehen war nicht nur eine Freude, sondern viel mehr: gleichsam der Beweis, dass selbst die vielen Kilometer, die ->«

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DER NARZISST

Auch wenn man ihn seit Jahren nicht gesprochen hat, seine SMS kennzeichnen immer eins: Sie haben nie eine Anrede, sind nie mit einem Namen unterzeichnet und inhaltlich oft banaler Natur. Dass der Empfänger nicht sofort weiß, von wem die SMS »Hoffe dir geht es gut. Schöne Grüße« kommt? Für den Narzisst ein komischer Gedanke. Und so abwegig, dass er die Nachrichten auch gerne mal von fremden Handys verschickt – so wird man als Empfänger selbst durch den ohnehin schon umständlichen Abgleich mit dem Telefonbuch auch nicht mehr schlau. Schickt man hingegen eine Antwort-SMS und erkundigt sich nach dem SMS-Gegenüber, kommt beleidigt ein »Na wer schon?« – ebenfalls ohne Nennung des Namens.

Die typische SMS: »Bin gerade in Berlin und möchte mir die Reichstagskuppel anschauen. Gruß«.

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DER SCHWERVERSTÄNDLICHE

Treibt sich pausenlos in Internet-Chat-Räumen herum und lernt dort die neuesten Abkürzungen, Symbole und Emoticons. Die SMS des schwer Verständlichen zu entschlüsseln ist nur mithilfe eines Internet-Anschlusses möglich, damit man nachsehen kann, was Kürzel wie »lol« oder »&-)« oder »IMHO« bedeuten könnten. Hat man schließlich herausgefunden, dass diese ganzen Hieroglyphen eigentlich nur den nicht existenten Inhalt der so ausgestalteten Botschaften überspielen sollen, ist es längst zu spät. Man ist bereits in die Emoticon-Falle getappt: Egal, wie leidenschaftlich man früher Ironie verwendet hat – ab sofort ist man sich nie mehr sicher, ob der Empfänger auch verstanden hat, dass man das alles nicht ernst meint, wenn man nicht mindestens zwei bis drei Smileys –) in die Botschaft eingebaut hat. Welche der schwer Verständliche natürlich total anfängermäßig und flach findet.

Die typische SMS: »2 L8, dude, sind schon weiter ins Golden G8. #) C U there! BTW: bring Natascha mit.«

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DER URLAUBER

Obwohl er schon seit Jahren ein Prepaidhandy »für den Notfall« besitzt, kommt es nur während eines bestimmten Zeitraums zum Einsatz: im Urlaub. Mühsam wird im Strandkorb ein Gruß getippt, umständlich die Empfängernummer aus dem Adressbuch im Hotel geholt und, weil auch die Miturlauber die Funktionsweise der Tasten nicht richtig verstehen, eine eigene Sprache kreiert. Die besteht aus lauter Großbuchstaben, statt Leerzeichen gibt es Pluszeichen. In ihrer Wortwahl ähnelt sie am ehesten dem Telegramm. Empfänger sind meist die erwachsenen Kinder daheim, die von den Eltern noch am gleichen Abend vom Hoteltelefon aus erwartungsvoll und voller Stolz angerufen werden und dann die Frage zu hören bekommen: »Und, hast du sie gekriegt?«

Typische SMS: »UNS+GEHT+ES+ GUT+ WETTER+IST+SCHOEN+BIS+BALD+MAMA+PAPA«.

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DER GEIZIGE

Aus Angst vor einer in TV-Magazinen beschworenen »Kostenexplosion« wartet der Geizige, bis der Empfänger am Abend nach Hause kommt und dort auf dem Festnetz erreichbar ist und ruft dann (kurz) an. Falls doch SMS-Nachrichten vom Geizigen kommen, verschickt er sie über einen kostenlosen Internet-Anbieter, sodass die Botschaften mit Werbung vollgestopft sind. Man kann nicht direkt darauf antworten, da keine Absendernummer übertragen wird.

Somit muss man stundenlang rätseln, wer mit der Unterschrift »d. Cl.« gemeint sein kann. Der Geizige ist bei seinem Handyprovider verhasst, weil er stets nur haargenau den Mindestumsatz abtelefoniert, keine kostenpflichtigen Zusatzdienste nutzt – aber trotzdem alle zwei Jahre ein neues subventioniertes Handy einstreicht, nachdem er sich vorher wochenlang über die besten Geräteschnäppchen informiert hat, kostenlos, versteht sich.

Typische SMS: »Ruf mich mal an. M.L. *** SMS-Fun 4 FREE – der kostenlose SMS-Service aus dem Internet. Sofort anmelden und loslegen unter …«


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DER ENDLOSFRAGER

Kurzmitteilungen zu schreiben bereitet dem Endlos-Frager weit weniger Vergnügen, als diese kurze Vibration in der Tasche zu verspüren, die den Empfang einer eingehenden Botschaft signalisiert. Deshalb sind seine Nachrichten auch stets recht wenig aussagekräftig, strotzen dafür nur so vor Fragen und Andeutungen, die es unmöglich machen, nicht in einer weiteren SMS darauf einzugehen. Auf jede Frage, die man beantwortet hat, kommen drei neue zurück, dazu Kryptisches wie: »Rate mal, was ich gerade gekauft habe« oder: »Du kommst nie drauf, mit wem ich gestern telefoniert habe.« Die getippte Debatte mit dem Endlos-Frager zu beenden ist ein Kunststück, das fast immer handfeste Lügen erfordert wie »Der Film geht gleich los« oder »Mein Akku ist fast alle«.

Die typische SMS: »Cool, bei uns auch. Und nächstes Wochenende?«

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DER AKTUELLE

Benutzt die SMS als Kommunikationsmittel gern bei hochaktuellen und absolut akuten Anlässen, bevorzugtes Revier sind Konzerte, Flughäfen, Innenstädte und andere Orte der Ansammlung von Menschenmassen. Dort versucht er zum Beispiel durch Kurzmitteilung: »Wo bist du? Ich stehe am Vordereingang von Karstadt«, seine Verabredung zu orten. Nie käme ihm in den Sinn, dass es Menschen gibt, die nicht permanent auf ihr Handydisplay schauen, deren Ohren noch nicht so auf die SMS-Ankündigung geeicht sind, dass sie den Ton auch während eines Live-Konzerts hören, oder dass eine SMS auch mal ein paar Minuten vom Sender bis zum Empfänger braucht. Stattdessen sagt er gern empört Dinge wie: »Warum bist du denn nicht zum Bierzelt hinten rechts gekommen, ich habe dir doch vor einer Minute ’ne Nachricht geschickt?«, und schreckt auch zu unchristlichen Zeiten nicht zurück. Die gängige SMS zur Bettgehzeit: »Bist du noch wach?«

Die typische SMS: »Ich treffe dich in einer Minute am Terminal A«.

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DER GELANGWEILTE

Agiert meist unerwartet und motiviert durch eigene Langeweile, beispielsweise auf langen Zugfahrten, bei öden Fernsehsendungen oder beim Warten auf den Bus. Seine Anfangstaktik: eine kurze, provokante, unverständliche, schmeichelhafte oder sexuell anzügliche SMS, die nach einer schnellen Antwort schreit. Wird diese vom Gegenpart gesendet, beginnt das eigentliche Spiel. Im Sekundentakt werden nun Kurznachrichten gefunkt, wird versucht, mit jeder neuen die vorangegangene zu toppen, was Wortwitz und Geschwindigkeit angeht – bis der Bus kommt, die Fernsehsendung zu Ende ist oder etwas anderes Spannenderes im Leben des Gelangweilten passiert. Ebenso abrupt, wie es angefangen hat, hört dann das kurzweilige Spiel auf, und ein schales Gefühl bleibt bei dem übrig, der keine Antworten mehr erhält. Doch wehe, man beendet das Spiel aus eigener Initiative: Dann erhält man entweder eine SMS, in der einem ein langweiliger Charakter vorgeworfen wird, oder es klingelt kurz darauf das Telefon: Der Gelangweilte ist dran und fordert auf diesem Wege Ablenkung und Aufmerksamkeit.

Die typische SMS: »Ich finde, Thomas Gottschalk sieht gerade bei „Wetten dass …?“ ein bisschen aus wie du …«

Text: Mathias Irle & Christoph Koch
Erschienen in: Die Zeit
Foto:

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Über den Autor

Über den Autor: Christoph Koch ist Journalist (NEON, brand eins, Wired, GQ, SZ- und ZEIT-Magazin, Tagesspiegel, etc.), Autor ("Ich bin dann mal offline" & "sternhagelglücklich" & "Chromosom XY ungelöst") und Vortragsredner. Auf Twitter als @christophkoch unterwegs. .

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